Deutsch – Polnische Gesellschaft Hamburg 1972 – 2012 Berichte und Erinnerungen aus vier Jahrzehnten Arbeit einer deutsch-polnischen Bürgerinitiative Viola Krizak (Hrsg.) Deutsch-Polnische Gesellschaft Hamburg 1972-2012 Berichte und Erinnerungen aus vier Jahrzehnten Arbeit einer deutsch-polnischen Bürgerinitiative © Deutsch -Polnische Gesellschaft Hamburg, 2012 © Titelblattgestaltung: Viola Krizak Projektleitung und Redaktion: Dr. Viola Krizak Lektoren: Gerd Hoffmann, Wolfgang Madlung Gestaltung und Herstellung: Hans-Rainer Krizak Druck: Studio Polgraficzne M.Color, ul. Ogrodowa 62, 91-071 Łódź Freie und Hansestadt Hamburg Erster Bürgermeister Als Schirmherr ist es mir eine besondere Freude, der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hamburg zum vierzigjährigen Bestehen gratulieren zu dürfen. Die Beziehungen zwischen Hamburg und unseren Freunden und Partnern in Polen sind ebenso lang wie wechselvoll. Die Hansestadt hat dieser Tatsache nicht zuletzt in dem für Deutsche und Polen so wichtigen Gedenkjahr 2009 Rechnung getragen: Damals haben wir gemeinsam an den Beginn des Zweiten Weltkrieges gedacht, aber auch an den Fall der Mauer und den Systemwechsel im ehemaligen Ostblock, zu dem „Solidarność“ als erste freie Gewerkschaft in Polen mit ihrer friedlichen Revolution in erheblichem Maße beigetragen hatte. Wenn man zum 40. Geburtstag der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in Hamburg eine Bilanz ziehen möchte, so kann man hervorheben, dass es eine Vielzahl von Kooperationen und Begegnungen zwischen Hamburg und Polen gibt. Im geographischen Mittelpunkt stehen dabei die polnischen Regionen an der Ostseeküste. Eine intensive Zusammenarbeit erstreckt sich auf Handwerk, Wissenschaft, Metropolenkooperation und Kultur. Sie trägt der besonderen Bedeutung Polens als größten neuem und aufgrund seiner Nähe für Hamburg auch wichtigem Mitglied in der EU Rechnung. Lassen Sie mich an dieser Stelle nur einige ausgewählte Beispiele erwähnen. Neben den sehr guten bilateralen Beziehungen arbeiten wir mit unseren polnischen Freunden und Partnern sehr eng in den Gremien der Ostseekooperation und in einigen EU-Projekten zusammen. Drei Bereiche seien beispielhaft hervorgehoben: TransBaltic liefert aus regionaler Entwicklungsperspektive wichtige Impulse für ein integriertes Verkehrssystem für die Ostseeregion. Clean Baltic Sea Shipping soll einen Beitrag leisten zur Verringerung der Eutrophierung der Ostsee sowie zur Reduzierung von Luft- und Wasserverschmutzungen durch Schiffe durch die Erarbeitung einer transnationalen Strategie zum sauberen Schiffsverkehr. COOL Bricks soll die Energieeffizienz von historischen Backsteingebäuden erhöhen, bei Gewährleistung technisch, administrativ und historisch angemessener Standards des Denkmalschutzes. Wenn diese große Vielfalt von Kooperationen und Formen der Begegnung uns längst selbstverständlich erscheint, dann liegt das auch an den wichtigen Beiträgen zur interkulturellen Verständigung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft. Dafür möchte ich Ihnen im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg unsere Hochachtung, unsere Anerkennung und unseren Dank aussprechen. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zum 40. Geburtstag! Erster Bürgermeister Olaf Scholz Grußwort für die Festschrift anlässlich des 40. Jubiläums der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hamburg e.V. Helmut Schmidt im Juni 2012 Mit Verständnis und Vertrauen Friede in Europa kann nur bestehen, wenn es Deutschland in der Mitte des Kontinents gelingt, im gutnachbarlichen Verhältnis mit seinen Nachbarn zu leben. Polen ist gemeinsam mit Frankreich der wichtigste Nachbar Deutschlands. Deutsche und Polen verbindet eine schicksalhafte und über weite Strecken tragische Nachbarschaft. Ein gutes Verhältnis beider Nationen muss sich daher stets gegen die Erinnerung gegenseitig zugefügten Leids und tief im kollektiven Gedächtnis verhafteter Ressentiments und Ängste erwehren. Seine wechselvolle Geschichte gibt Polen genug Gründe, seinen Nachbarn, und insbesondere seinen deutschen Nachbarn, zu misstrauen. Die drei gewaltsamen Teilungen bis Ende des 18. Jahrhunderts durch Preußen, Österreich und Russland wirken ebenso nach wie die völlige Beseitigung der polnischen Souveränität fast das ganz 19. Jahrhundert hindurch. Weit stärker noch haften im polnischen Gedächtnis die vierte gewaltsame Teilung durch Hitler und Stalin 1939 und die anschließende deutsche Besatzung. In diese Zeit fällt auch die Errichtung der Todesfabrik Auschwitz auf polnischen Boden durch Hitler. Als Folge von Hitlers Weltkrieg kam es anschließend zur gewaltsamen Verschiebung der östlichen und westlichen Grenzen Polens durch Stalin und zur Vertreibung von Millionen polnischer und deutscher Menschen in westliche Richtung. Mein Freund Herbert Wehner sagte 1977 bei einem gemeinsamen Besuch in Ausschwitz „ Man muss die Polen schon allein deshalb lieben, weil sie mehr gelitten haben als alle anderen“. Ich habe Wehners Wort nie vergessen. Es ist wahr. Und es gewinnt zusätzlich an Gewicht, wenn man bis in 18. Jahrhundert zurückdenkt. Sein Wort ist gleichzeitig eine Mahnung, dass wir Deutschen von uns selbst Verständnis für die besondere Situation der Polen verlangen müssen. Ich habe Polen erstmals als Bundestagsabgeordneter 1966 auf einer privaten Reise besucht. Auf dem Weg nach Moskau konnte ich mir damals mit meiner Familie während einer langen Autofahrt quer durch Polen einen eigenen Eindruck verschaffen. Die Menschen, Landschaften und Städte Polens haben mich damals nachhaltig bewegt. Fast vierzig Jahre sind seit meiner ersten Reise durch Polen vergangen. Polen und Deutschen ist es in diesen vierzig Jahren gelungen, ein weites Stück aufeinander zu zugehen. 1970 wurde mit dem deutsch-polnischen Vertrag ein erster wichtiger Grundstein für die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen gelegt. Ohne die Bereitschaft der damaligen polnischen Führung, ihrerseits auf die deutsche Seite zuzugehen, wäre der historische Durchbruch in Helsinki nicht möglich gewesen. Ich werde jenes Gespräch mit Edward Gierek in Helsinki nicht vergessen, dass damals den entscheidenden Durchbruch in den Verhandlungen brachte. 1974/75 habe ich mich mit Nachdruck für das Zustandekommen der KSZE-Schlussakte eingesetzt. Mit der Schlussakte von Helsinki wurde nicht die Oder-Neiße-Grenze festgeschrieben, sondern die im Korb III postulierten Menschenrechte haben die Arbeit Lech Walesas und der demokratischen Opposition Solidarnosc in Polen ebenso hilfreich unterstützt wie die Arbeit der anderen Freiheitsbewegungen im damaligen Ostblock. Die Geschichte Polens erklärt das Streben der polnischen Nation nach Souveränität und Selbstbestimmung. Nach dem EU-Beitritt Polens im Mai 2004 ist es erkennbar nicht allen polnischen Politikern leicht gefallen, die damit verbundene teilweise Aufgabe der eigenen Souveränität zu akzeptieren. Heute ist Polen nicht nur eine der wachstumsstärksten europäischen Volkswirtschaften, sondern es nimmt auch erkennbar seine politische Verantwortung in der EU wahr. Während der polnischen Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2011 hat Polen eine aktive Vermittlerrolle zwischen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern der Eurozone eingenommen. Die gegenwärtige Krise der Institutionen der Europäischen Union könnte ein unvoreingenommenes Miteinander der Menschen in Europa gefährden, sie könnte nationale Egoismen und Eitelkeiten aufleben lassen. Auf die friedensstiftende Wirkung der Europäischen Union allein können wir uns keinesfalls verlassen. Polen bleibt mit Frankreich unser wichtigster Partner in Europa. Für eine vertrauensvolle Partnerschaft ist gegenseitiges Verständnis unverzichtbar. Ohne ausreichende historische und kulturelle Sensibilität fehlt die Basis für einen wirklichen Dialog und es bleibt allenfalls bei guten Absichten allein. Leider wissen die Deutschen im Allgemeinen immer noch zu wenig von der Geschichte und Kultur Polens. Zwar kennen wir Frédéric Chopin und vielleicht haben wir „Quo Vadis“ von Henryk Sienkiewcz gelesen. Aber wer weiß in Deutschland, dass ein polnischer König schon im Jahr 966 den christlichen polnischen Staat begründete und der Name Polonia älter ist als Deutschland? Wer weiß in Deutschland, dass es ein Pole war, der Wien 1683 vor den Türken rettete? Oder welcher Deutsche ist sich des ökonomischen Erfolgs und der kulturellen Dynamik des heutigen Polens bewusst? Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hamburg e.V. setzt sich seit 40 Jahren dafür ein, dass sich Polen und Deutsche besser kennen lernen. Seit ihrem Aufruf „Friede mit Polen“ im Herbst 1972 hat sie unzählige persönliche Begegnungen ermöglicht und dazu beigetragen, gegenseitige Vorurteile durch Verständnis und Vertrauen zu ersetzen. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hamburg e.V. hat damit die Versöhnung und Freundschaft zwischen Deutschland und Polen gefördert und einen Beitrag für eine friedliche Zukunft Europas geleistet. Ich verbinde meine Glückwünsche zum 40. Jubiläum der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Hamburg e.V. mit der Hoffnung und Erwartung, dass sie ihre wertvolle Arbeit in den nächsten Jahren erfolgreich fortsetzen kann. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Hamburg e.V. verdient unsere Unterstützung! Geleitwort des Botschafters der Republik Polen in der Bundesrepublik Deutschland Dr. Marek Prawda Am 5. Juli 2012 beging die DPG Hamburg ihr 40-jähriges Jubiläum. Mit der Gründung der Gesellschaft fassten Abgeordnete der SPD-Fraktion der Hamburgischen Bürgerschaft und ein kleiner Kreis von Hamburgerinnen und Hamburgern, inspiriert von dem historischen Besuch von Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau 1970 einen sehr wichtigen Beschluss. Doch ihr „Abenteuer“ mit Polen hatte für einige der späteren Initiatoren und Mitglieder der Gesellschaft bereits weit früher begonnen. Mitglieder der Deutschen Beamtenbund-Jugend Hamburg, die zu den Gründern der DPG gehörten, besuchten Polen erstmals schon im Jahr 1965. Seit 1968 bis Mitte der siebziger Jahre fanden weitere Reisen junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Hamburger V […]
Jubiläum
DPG-Geschichte-Jochimsen Deutsch-Polnische Gesellschaft Hamburg – eine ganz persönliche Rückschau Autor: Hanno Jochimsen 1. Dänen und Polen – 1972 2. Überparteilich 1972/3 3. Sprachlosigkeit 1973 4. Wo anknüpfen? 1973/4 5. Erster Besuch in Warschau 1974 6. Hilfreicher Gesprächspartner 1974 7. Zusammenarbeit 1974/5 8. “Die Wacht am Rhein” 1974/8 9. Überraschendes Angebot 1974 10. Große Verhandlungsrunde 1974 11. Das polnische Konzept 1975 12. Blitzreise nach Danzig 1975 13. Aufgaben für die Mitglieder 1975 14. Drei Gespräche 1975 15. Mediensperre 1975 16. Besuch beim alten Partner 1976 17. Hamburg keine Partnerin 1976 18. Gespräche in Danzig 1976/7 19. Schwieriges Verhandeln 1977 20. Erlebnisse in Danzig 1977 21. Kein Ansatzpunkt danach 1977/9 22. Suche nach Kontakten 1978/9 23. Unerwartetes Gespräch 1979 24. Ein Jugendwerk 1979/80 25. Besuch aus Polen 1979/80 26. Forum in Darmstadt 1980 27. “Polnischer Herbst ’81” 1981 28. Kriegsrecht 1981/3 29. Erneut in Warschau 1983 30. Langsamer Wandel 1984 31. Forum in Krakau 1985 32. “Dialog” 1985/6 33. Einzelgänger 1985/9 34. Durchbruch 1988 35. Gedenktag 1989 36. Besuch bei Walesa 1989 37. Die Wende 1989 38. Sitzung in Stettin 1991 39. Lohnte sich die Arbeit? 1. Dänen und Polen Im Januar 1971 – wenige Wochen nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags vom Dezember 1970 – standen ganz unangemeldet Gerd Hoffmann und Friedrich Riethmüller in meinem Zimmer im Rathaus und erklärten, soeben hätte der damalige Zweite Bürgermeister und Schulsenator Peter Schulz die Schirmherrschaft über die bald zu veranstaltenden “Polnischen Tage” übernommen. Es sei nun meine Pflicht als stellvertretender Pressesprecher, ihnen bei der Pressearbeit zu helfen. Es war der Anfang einer wechselvollen gemeinschaftlichen Friedensarbeit. Irgendwie entstand ein Vertrauen zwischen uns. Gerade unsere so unterschiedlichen persönlichen Hintergründe ließen die Zusammenarbeit fruchtbar werden. Als Grenzlandbewohner im Landesteil Schleswig – und Angehöriger des ersten “weißen” Jahrgangs 1930 – fühlte ich mich früh in die deutsch-dänischen Grenzauseinandersetzungen der ersten Nachkriegsjahre einbezogen. Ihnen fehlten – Gott sei Dank – die Schärfe der deutsch-polnischen Auseinandersetzungen vor 1939. Schließlich genügte es, beim Aufeinanderprallen von zwei Demonstrationszügen in Flensburg im September 1948 eine Schaufensterscheibe einzuschlagen, um die Polizei zu rufen, die den ganzen Spuk in wenigen Sekunden hinwegzauberte. Das Krachen der Scheibe, das mich als Signal der Gewalttätigkeit erschrecken ließ, muß auch in Kopenhagen gehört worden sein. Knapp zwei Jahre später wurde ich von Mellemfolkeligt Samvirke, Kopenhagen, zu einem deutsch-dänischen Jugendlager in Kiel eingeladen. Es war der “Zwischenvölkischen Zusammenarbeit” gelungen, viele “Streithähne” beider Nationalitäten von jeweils beiden Seiten der Grenze zu gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Diskussionen für einen ganzen Monat zu versammeln. Hier lernte ich, Frieden über die Grenze zu schließen – ein Erlebnis, das ich schließlich in meiner Dissertation aufarbeitete – und das mich noch immer beschäftigt. Geschichtlich waren die Auseinandersetzungen in Schleswig um die Jahrhundertwende nur aus der preußischen Politik gegenüber den Polen in Schlesien und Posen zu verstehen. Schließlich waren Dänen und Polen die beiden Minderheiten, die den Gebietsstand Preußensangriffen und gegen die es sich wehrte. Das Begehren der beiden, die in mein Zimmer getreten waren, traf bei mir also auf einiges historisches Wissen über deutsch-polnische Zusammenhänge und auf den Wunsch, nun nicht nur gegenüber dem Nachbarn im Norden, sondern auch gegenüber dem im Osten die Grenzen abzubauen. Jahrelange Verständigungsarbeit zwischen den Nationen in den USA und an Bord von Flüchtlingsschiffen auf dem Atlantik hatten einen Erfahrungsschatz geschaffen, auf dem ich ebenfalls vertrauen konnte. Schließlich wußte ich, daß Nationen nicht weggezaubert werden können, wie die vor uns lebende Generation wohl gemeint haben muß und dabei Völkermord als selbstverständlich ansah – daß die Polen also immer Nachbarn der Deutschen und die Deutschen selber nur eine begrenzte – wenn auch unbestimmte – Zeit geteilt sein würden. Die Polnischen Tage in Hamburg 1971 hatten Appetit auf das Land gemacht. Meine damalige Frau und ich beschlossen, so bald wie möglich nach Polen zu reisen. Das Land hatte ich bereits zweimal aus dienstlichen Gründen besucht. Im Jahre 1962 die Posener Messe und 1963 die Hafenstadt Danzig. Es waren aber immer nur kurze Reisen gewesen. Nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages – aber vor seiner Ratifizierung – waren für Deutsche Gruppenreisen möglich. Für die Polen war es eine Zeit der vorsichtigen Annäherung: Gruppen ja, Einzelne nein. So schlossen wir uns “Dr. Tigges” an und fuhren vierundzwanzig Tage mit dem Bus durch das ganze Land. Es wurde eine Fahrt ohne jeden Stress. Später ist mir nie mehr möglich gewesen, so ohne jeden Termindruck und ohne Verpflichtungen durch das Land zu fahren. Wir genossen die Küche – damals waren Lebensmittel anscheinend noch nicht knapp. Wir bewunderten die kulturellen Schätze, die die Kriegswirren überlebt hatten. Wir waren von dem Ausmaß an künstlerischer Freiheit beeindruckt. Wenn man zuvor intensiv die Sowjet-Union bereist hatte, war man verblüfft über den polnischen “sozialistischen Realismus”, der sich – zumindest – vor unseren Augen verbarg. Wir erlebten ein großes Ausmaß an künstlerischer und individueller Freiheit. Hinzukam eine Offenheit und Herzlichkeit bei den Menschen, die uns begneten, für die ein Beispiel stehen mag: Die Hamburger Veranstaltung im Jahre 1971 hatte für die polnische Agentur INTERPRESS, eine staatliche oder halbstaatliche Organisation, deren damaliger Chefredakteur Henryk Tycner betreut. Wir waren übereingekommen, daß, wenn ich einmal nach Polen käme, ich ihm doch Nachricht geben solle. Vor Abfahrt nach Polen schrieb ich also eine Postkarte, daß wir an einem bestimmten Tage Warschau besuchen würden. Da ich nichts gehört hatte, meinte ich die Sache auf sich beruhen lassen zu sollen. Aber es kam anders. Als wir nach einer Besichtigung des Schlosses Wilanów in der “Schmiede” einem bekannten Restaurant saßen, erschien Henryk Tycner mit Irena Poszajska, ebenfalls von INTERPRESS, voller Vorwürfe, daß man uns nicht vorher gefunden hätte und dabei hätte man doch alle Grenzstationen telefonisch abgefragt. Nur der Tatsache, daß das Sammelvisum für alle vierundzwanzig Businsassen aus einem rätselhaften Grund in meinem Paß eingetragen war, hatten wir es also den mittäglichen Besuch zu verdanken. Wir haben anschließend Stunden und Stunden im Gespräch miteinander verbracht. Es endete schließlich um vier Uhr morgens in der Bar des Hotel Europejski. So intensive Gespräche waren wir aus Deutschland nicht mehr gewöhnt. – Heute begegne ich ab und zu dem Sohn, Janusz Tycner. Die Erinnerung an diese Begegnung ist immer noch lebendig und gegenwärtig. Verständigung mit Polen suchen, wollte ich nicht nur, weil ich dieses Land, seine Kultur und seine Menschen schätzen gelernt hatte, sondern auch, um dem eigenen Land zu helfen. Ohne den Frieden mit Polen war kein dauerhafter Frieden für die Deutschen zu erwarten und eine Wiederholung der Ereignisse der letzten zwei Jahrhunderte – von den Teilungen Polens bis zum Vernichtungsangriff 1939 – nicht auszuschließen. Sodann konnte man beim Aufbau der Beziehungen zu Polen langfristig und in historischer Sicht etwas sinnvolles gegen die Teilung des eigenen Landes tun. Das hat zu jener Zeit kaum jemand gesehen – auch nicht der Erste Bürgermeister Peter Schulz – als er vom Vorstand der Gesellschaft Oswald Beck, den leider inzwischen verstorbenen früheren CDU-Bürgerschaftsabgeordneten, Friedrich Riethmüller sowie Gerd Hoffmann – beide SPD – und mich – damals F.D.P. – im Rathausehrenhof traf und fragte: “Was ist dies für eine seltsame Koalition?” Und als ich bei etwas späterer Gelegenheit vom gemeinsamen Engagement für den Frieden mit Polen sprach, antwortete er etwas leise: “Es sind doch alles Bolschewisten – was wollen Sie da?” 2. Überparteilich Da aber hatten wir schon unsere ersten Schritte gemacht und sahen eine Perspektive. Zunächst war es darum gegangen, den moralisch-ethischen Anspruch unserer Gesellschaft zu formulieren. “Wir rufen auf zum Frieden mit Polen!” entstand in der Wohnung von Annaliese Wulf, die zusammen mit Gerd Hoffmann Motor des Deutsch-Polnischen Arbeitskreises – dem Vorgänger unserer Gesellschaft – gewesen war (abgedruckt im Anhang). Dort haben wir um die richtigen Worte hart gerungen, zugleich aber auch gemerkt, wie weitgehend wir – trotz ganz unterschiedlicher politischer Hintergründe – übereinstimmten. Leider verließ Annaliese Wulf, die als Reiseschriftstellerin für den Frieden zwischen Deutschen und Polen Feuer gefangen hatte, sehr bald Hamburg und trat bei der Wahl des ersten regulären Vorstandes auch nicht mehr an. Diese aber endete mit einer Überraschung und verbreiterte die Basis der Gesellschaft ganz erheblich. Im Verlaufe der Versammlung kritisierte Oswald Beck die für ihn einseitige politische Zusammensetzung des Gründungsvorstandes. Der Verweis auf mich, der ich inzwischen mitgearbeitet hätte, vermochte ihn ebenfalls nicht zu beruhigen, weil ich doch zum Koalitionspartner in Bonn und Hamburg zählte. Die Versammlung begriff die Chance, eine wichtige politische Gruppe zu integrieren und wählte ihn in den Vorstand. Wir haben harmonisch über die Parteigrenzen zusammengearbeitet, wenn wir auch niemals Beschlüsse gefaßt haben, die die Schmerzgrenze bei einem von uns angetastet hätte. Vorgeführt, solche Beschlüsse […]